Glückliche und erfolgreiche Kinder?

Glückliche und erfolgreiche Kinder großziehen, das wollen wir wahrscheinlich alle. Wie genau das gehen kann, ist aber schon nicht mehr ganz so klar…

Ich denke auch, dass der „richtige Weg“ in der Erziehung unserer Kinder nicht für immer gleich bleibt, sondern sich im Lauf der Zeit verändert. Unsere Kinder erleben täglich Neues und verändern sich. Wir selbst verändern uns, und das Umfeld unserer Kinder natürlich auch.

Schon deshalb ist es wichtig, immer wieder mal einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: „Bin ich, sind wir mit unseren Kindern, eigentlich noch auf dem richtigen Weg?“

In manchen Phasen läuft es auch z.B. in der Schule so schlecht, dass wir als Eltern notgedrungen über Veränderungen nachdenken, weil es so einfach nicht weitergehen kann. Und manchmal kommt einfach zum richtigen Zeitpunkt eine passende Anregung von außen, mit der man eingeschliffene Verhaltensweisen wieder in einem neuen Licht sehen kann.

Eine solche Anregung habe ich in Carol Dwecks Buch „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ * gefunden.

Carol Dweck ist eine Psychologieprofessorin an der Stanford University. Im Lauf Ihrer Arbeit ist ihr immer mehr aufgefallen, welch großen Einfluss das eigene Selbstbild auf den Lernerfolg von Kindern hat. Nach vielen Experimenten und Forschungen hierzu hat sie in „Selbstbild“ ihre Ergebnisse und die von Kollegen zusammengetragen.

Carol Dwecks Kern-Erkenntnis ist, dass es zwei entgegengesetzte Einstellungen gibt, die Menschen (nicht nur Kinder!) bezüglich ihrer eigenen Lernfähigkeit und ihrer Fähigkeit zur Veränderung haben können – ein wie sie es nennt „statisches“ oder ein „dynamisches“ Selbstbild.

Menschen mit einem statischen Selbstbild sind davon überzeugt, dass „Talent“ schon bei der Geburt vorgegeben ist und sich im Lauf des Lebens auch nicht verändert. Das bedeutet, dass Leute, die in einer Sache erfolgreich sind, also einfach viel Talent haben. Und umgekehrt: Wer Talent hat, braucht sich für den Erfolg auch nicht anzustrengen. Für Menschen mit einem statischen Selbstbild sind Fehler ein Ausdruck ihres Versagens – denn talentierte Menschen bringen überragende Leistungen und machen keine Fehler.

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild hingegen sind davon überzeugt, dass jeder hinzulernen und sich immer weiter verbessern kann. Sie gehen davon aus, dass mit Übung und mit Einsatz immer weitere Fortschritte zu erreichen sind. Fähigkeiten und Fertigkeiten können also immer weiter entwickelt werden, und Rückschläge oder Fehler sind nur eine Chance, etwas dazuzulernen.

Ich denke, du kannst an dieser Stelle schon erkennen, wo das Problem liegt…

Kinder mit einem sehr statischen Selbstbild gehen also z.B. in der Schule davon aus, dass sie in manchen Fächern einfach gut sind, und in anderen einfach schlecht. Und viel entscheidender, sie denken, dass sie in diesen „schlechten“ Fächern so unbegabt sind, dass sie auch nie gut werden können. Mehr zu üben lohnt sich also sowieso nicht, denn schließlich sind sie in Englisch oder in Mathe eben einfach nicht begabt – warum sich also bemühen?

Das alleine wäre schon schlimm genug (und für uns als Eltern unendlich frustrierend mitanzusehen). Schlimmer ist aber eigentlich, was ein statisches Selbstbild in Bereichen anrichtet, in denen ein Kind sich „gut“ oder „begabt“ fühlt…

Denn wenn jeder Fehler ein Ausdruck von „Versagen“ oder von „nicht begabt sein ist“… dann ist es doch am Besten, Fehler möglichst zu vermeiden! Wenn ein Kind mit statischem Selbstbild z.B. weiß, dass seine Eltern denken, dass es in Mathe begabt ist – dann will es natürlich in Mathe auch möglichst wenig Fehler machen. Denn jeder Fehler würde ja bedeuten, dass es die Eltern enttäuscht hat.

Allerdings gehören Fehler und Irrwege zu jedem Lernprozess dazu. Wer sich nicht traut, Fehler zu machen, wird viel weniger dazulernen (oder nur das nachsprechen können, was der Lehrer vorspricht, allerdings ohne es selbst durchdacht zu haben).

Ein statisches Selbstbild kann also dazu führen, dass Kinder gerade in Bereichen, in denen sie sich für begabt halten oder in denen sie bisher schon gute Leistungen erbracht haben, irgendwann nur noch Mittelmaß zeigen und sich nicht mehr trauen, etwas Schwieriges anzupacken.

Das dies auf Dauer zu sehr viel Frust und Angst führt, und dass das Kind dann auch bei weitem nicht die Fortschritte machen wird, die es eigentlich machen könnte, ist offensichtlich.

Carol Dweck beschreibt dieses Problem in „Selbstbild“ sehr eindrücklich, an Hand vieler Beispiele aus ihrer Forschung und aus dem wirklichen Leben. Sie belässt es aber nicht dabei, nur das Problem aufzuzeigen – „Selbstbild“ enthält sehr viele Anregungen und konkrete Tipps, wie wir an unserem eigenen Selbstbild arbeiten bzw. das unserer Kinder positiv beeinflussen können.

Dass es in diesem Bereich nicht damit getan ist, nur mit guten Vorsätzen an den Kindern „herumzuerziehen“, ist eigentlich klar – hier wirkt das, was wir selbst tun, um vieles nachdrücklicher und deutlicher als das, was wir predigen… Von daher empfand ich dieses Buch als wichtige Anregung, auch einmal über mein eigenes Selbstbild in manchen Lebensbereichen nachzudenken.

Kurz: Wenn es bei deinen Kindern schulisch nicht so läuft, wie es laufen könnte… Wenn sie in manchen Bereichen Leistungen „verweigern“… oder wenn du einfach mal nachdenken willst über dein eigenes Bild von dir und von dem, was du kannst oder nicht kannst… dann bietet dir Carol Dwecks „Selbstbild“ * vielleicht genau die wichtige Anregung, die du brauchst!


P.S.: Ich habe die Begriffe „statisches“ und „dynamisches Selbstbild“ oben im Text der Einfachheit halber so verwendet, als ob jeder Mensch entweder ein dynamisches oder ein statisches Selbstbild hätte. Das ist natürlich Quatsch, so klar in Schwarz und Weiß getrennt funktioniert unsere Welt nicht. Die beiden Selbstbilder sind nur Extreme auf einer Skala, auf der jeder Mensch auch irgendwo dazwischen liegen kann.

Und Carol Dweck selbst betont, dass wir durchaus in manchen Lebensbereichen ein statisches Selbstbild haben können („Ich bin einfach nicht musikalisch“) und in anderen Bereichen ein dynamisches („Wenn ich genug trainiere, dann schaffe ich im nächsten Jahr einen Marathon, obwohl ich noch nie viel gelaufen bin.“). Die beiden Extreme, von denen ich im weiteren Verlauf erzähle, sind also mit einem Körnchen gesunden Menschenverstandes zu verstehen… 😉


* Ich investiere viel Zeit und Energie in die Buchbesprechungen und anderen Inhalte hier bei Stöcke und Steine, und ich hoffe, dass sie dir Freude und Inspiration bringen. Bitte kauf dieses Buch wenn möglich bei einer unabhängigen, inhabergeführten Buchhandlung in deiner Nähe – das sind meist Menschen, die ihre Arbeit mit Herzblut machen, und die wir damit unterstützen können.

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(Für alle Freunde des englischen Originals ist „Selbstbild“ selbstverständlich auch in der englischen Ausgabe erhältlich: Mindset: The New Psychology of Success)

Regine ist nicht nur die Mutter zweier wundervoller, kreativer, wissbegieriger und unternehmungslustiger Kinder, sondern auch Schreiberin, Querdenkerin, Ratgeberin und Forscherin. Sie interessiert sich (unter anderem) für gesundes Leben, Persönlichkeitsentwicklung, Naturgärten und Kognitionswissenschaft. Mehr von Regine lesen kannst du auf ihrer Webseite Weg der Offenen Türen.

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